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Interview
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Dipl. Wirtschaftstrainer, Dipl. Wirtschaftscoach, Geschäftsführer und Human Resource Manager in verschiedenen Handelsunternehmen
Geschäftsführer "neubereich"
Dipl. Bw. Wolfgang Müller
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Studienberaterin an der FOM Hochschule für
Ökonomie & Management in München
Social Consultant "neubereich"
Mag. Marie-Anic Müller
Mehr Kompetenz im Job
Nicht gleich explodieren!
Schule abgebrochen, Lehre hingeschmissen, Perspektive gleich null: Wolfgang Müller von neubereich.at arbeitet mit Lehrlingen, an denen der reguläre Arbeitsmarkt regelmäßig verzweifelt. Er hilft jungen Leuten, die letzte Chance für einen qualifizierten Lehrabschluss zu nutzen.
Er vermittelt den Lehrlingen die nötige Handlungskompetenz, um bei Widerständen durchzuhalten und nicht wieder aufzugeben.
Diese Kompetenzen, weiß Müller, sind aber nicht nur für Teenager wichtig, die in einen Beruf einsteigen wollen. Grundsätzlich tun alle Berufstätigen gut daran, ihre Frustrationstoleranz und damit ihre Handlungskompetenz zu erhöhen. Geduld, soziale Kompetenz und erweiterte Wahrnehmung sind der Schlüssel zum Erfolg, erzählt er im Interview mit JOBnews.at.
JOBnews.at: Herr Müller, Sie arbeiten mit Jugendlichen, die schon mehrere abgebrochene Versuche hinter sich haben, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Was raten Sie denen?

Wolfgang Müller: Lehrlinge, die schon verschiedene Abbruchsszenarien hinter sich haben, kommen vielleicht auch in der aktuellen Lehre schneller drauf, alles hinzuschmeißen, wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht. Ziel ist es, diese Abbrüche zu verhindern. Das hat viel mit sozialen Kompetenzen wie Selbststeuerung, Selbstkontrolle und Geduld zu tun, aber auch mit Willenskraft und der Fähigkeit, etwas gestalten zu wollen.

Das sind Fähigkeiten, die ja nicht nur für Lehrlinge relevant sind.

Das Thema soziale Kompetenz und Selbststeuerung ist grundsätzlich für alle Menschen wichtig, die im beruflichen Alltag stehen. Es geht darum, herausfordernde Situationen im Job zu erkennen und meine Reaktion in diesen Situationen zu verstehen, um sie besser zu beherrschen. Letzten Endes muss ich mich Personen und Sachen gegenüber immer zweckmäßig verhalten, wenn ich meine Handlungsfähigkeit behalten und gewünschte Ergebnisse erreichen will.

Sie sprechen von zweckmäßigem Verhalten. Wie schaffe ich es, mich einzukriegen, wenn ich schon auf 180 bin?

Wichtig ist, in der Situation anzukommen, in der Sie sich gerade befinden. Es geht darum, dem Moment, in dem ich zufrieden oder unzufrieden bin, Aufmerksamkeit zu schenken und zu schauen, wie sich diese Stimmung auf meine Gefühle, Gedanken und meinen Körper auswirkt. In unseren Workshops haben wir eine Übung, wo wir den Leuten sagen, sie sollen ihre Umwelt sehen, hören und riechen - und auf die Gefühle und Gedanken achten, die das auslöst. Warum freue ich mich über diesen Geruch, warum ärgere ich mich über das Geräusch? Warum ist mir dieser Mensch sympathisch? Das Beachten der Sinne hilft beim Ankommen.

Wie kann ich diese Wahrnehmung erweitern?

Am besten über das körperliche Empfinden. Sobald wir uns über etwas ärgern, macht sich das im Körper bemerkbar. Das können Sie auch im Berufsalltag beobachten: Wenn Sie mit der Aussage eines Kollegen nun so gar nicht einverstanden sind, geht Ihr Atem auf einmal schneller, Ihre Brust wird enger, im Kopf entsteht Hitze. Der Körper teilt Ihnen dadurch mit, Halt, hier ist ein Moment, wo du vielleicht gerade die Selbstkontrolle verlierst.

Was passiert, wenn ich das übersehe?

Wer körperliche Empfindungen ignoriert, kann sie auch nicht als Warnsignal für das weitere Vorgehen verstehen. Das kann sich neben dem Ärger im Job in der Folge auch schädlich auf die eigene körperliche Gesundheit auswirken. Wenn ich häufig die Beherrschung verliere, ist das ein Hinweis, dass in meiner Energiekontrolle möglicherweise etwas schief läuft und meine Gesundheit gefährdet ist. Sich zurücknehmen zu können und Gefühlen nicht immer sofort freien Lauf zu lassen, ist also nicht nur ein Gefallen für Ihre Umwelt. Sie tun damit auch sich und Ihrer geistigen und körperlichen Gesundheit etwas Gutes.

Haben Sie einen Tipp, wie ich das ganz konkret in einem kollegialen Streitgespräch umsetzen könnte?

Geduld spielt hierbei eine wichtige Rolle. Zuerst einmal inne zu halten, abzuwarten. Denn was gesagt ist, ist gesagt. Da helfen ein tiefer Atemzug und ein kurzer Blick nach innen. Es geht darum, die Zeit bis zu einer Reaktion auszudehnen und einen Freiraum herzustellen. Um was geht es hier? In welcher Situation befinde ich mich gerade? Was wäre ein zweckmäßiges Verhalten in dieser Situation? Erst dann sollten wir reagieren. Mit dieser Methode geben Sie Ihrem Hirn Zeit, ihre Emotionen einzuholen - und in produktivere Kanäle zu lenken. Damit erhöhen Sie Ihre Handlungsfähigkeit und die Möglichkeit, Ziele zu erreichen. Andernfalls sitzen Sie hinterher vielleicht zu Hause und bereuen, was Sie dem Kollegen an den Kopf geworfen haben. Denn: Wenn Sie die Selbstkontrolle verlieren, verlieren Sie nicht nur den Moment, sondern auch Ihre Handlungsfähigkeit - und das oft für Stunden.

Heißt das, ich soll meine Emotionen gar nicht mehr thematisieren?

Genau das Gegenteil. Sie sollen ruhig sagen, was Sie denken - das Stichwort hier lautet aber ruhig. Die Geduld aufzubringen, die akute emotionale Spitze häufiger abzuwarten, bringt man nicht von heute auf morgen auf. Das ist ein langer Lernprozess, der im Idealfall auch von einem erfahrenen Mentor begleitet werden sollte, mit dem Sie besprechen, warum Sie in dieser und jener Situation doch wieder von null auf 100 gegangen sind. Wenn Sie es aber schaffen, dieses unbeherrschte Element und damit sich selbst ein wenig unter Kontrolle zu bringen, sind Sie klar im Vorteil: Nicht nur erhöhen Sie damit Ihre Frustrationstoleranz, auch Ihre soziale Kompetenz profitiert davon. Und damit Ihre Kollegen, Mitarbeiter und Vorgesetzten.

Barbara Oberrauter ist freie Journalistin und Autorin in Wien und gehört seit dem Start zum Redaktionsteam von JOBnews.at. Sie war unter anderem für die Austria Presse Agentur und den ORF tätig und widmet sich seit einigen Jahren hauptsächlich den Themen Karriere, HR und neue Medien. Als Kommunikationswissenschafterin und "digital native" interessieren sie dabei vor allem neue Trends im Berufsleben - und wie Unternehmen mit einer Arbeitswelt umgehen, die sich ständig wandelt.
Barbara Oberrauter
Barbara Oberrauter

Interview von Barbara Oberrauter für "JOBnews.at"